S14 - Backwerk
Einordnung
Kampagne: The Masketiers Spielercharakter: Valk Zeitpunkt: Eine Weile nach Ankunft in Ardania Ort: Küche von Dragon Gaze Manor Beteiligte Personen: Seraphina Asmaros, Ignish Erzählperspektive: persönliche Perspektive von Valk
Ausgangslage
Für die Gäste aus Vendaris, welche Dragongaze Manor besuchen, backt Seraphina Teegebäck aus der Heimat der Masketiers, Faerûn. Die vertrauten Gerüche locken alsbald Besucher an.
Geschichte
Das Erste, was Valk bemerkte, war der Zimt. – Nicht viel. Nur eine warme Spur in der Luft, beinahe verloren zwischen dem Geruch des alten Gemäuers. Doch darunter lagen Butter und geröstete Nüsse. Beeren, die in Zucker eingekocht wurden. Und etwas, das verdächtig nach Faerûn roch. Valk änderte die Richtung. Die Tür zur Küche stand offen und warme Luft strömte heraus. Im Inneren knackte das Feuer, Geschirr klapperte, und irgendwo blubberte etwas dickflüssig in einem Topf. Seraphina hatte den langen Arbeitstisch beinahe vollständig in Beschlag genommen. Schüsseln standen dort, Tücher, bemehlte Bretter und mehrere Bleche. Kleine Teigstücke lagen in ordentlichen Reihen nebeneinander, einige mit eingedrückten Mulden, andere bereits mit dunkler Beerenkonfitüre gefüllt. Daneben kühlten schmale Gebäckstücke aus, deren Ränder mit gehackten Nüssen bestreut waren.
Seraphina stand mit hochgeschobenen Ärmeln vor einer großen Schüssel und knetete Teig. Ihre Augen huschten kurz hoch. «Nein.»
Valk blieb im Türrahmen stehen. «Ich habe noch gar nichts getan.» Er schenkte ihr seinen harmlosesten Ausdruck. – Es war ein guter Ausdruck; offen, freundlich, beinahe unschuldig.
Seraphina hob nur eine Augenbraue.
«Was bäckst du?», fragte er.
«Kekse.»
Er löste sich vom Türrahmen und trat näher. Langsam genug, um keinerlei Absicht erkennen zu lassen. Sein Blick glitt über den Tisch, über die Bleche und Schüsseln, über ein offenes Glas mit Konfitüre.
«Für wen?»
«Für die Gäste aus Vendaris. Pock meinte, es wäre hilfreich, ihnen etwas aus unserer Heimat anzubieten.» Seraphina wandte sich wieder dem Teig zu.
Valk trat an die andere Seite des Tisches. Zwischen ihnen lagen zwei Bleche, eine Schüssel mit gewaschenen Beeren und ein langer hölzerner Löffel. Er nahm eine der Beeren.
Seraphinas Hand schloss sich um sein Handgelenk, bevor er sie zum Mund führen konnte. «Ah, ah! Die brauch ich noch.»
Valk blickte auf ihre Finger. Dann zu ihr. «Bestimmt nicht alle.»
«Doch. Restlos alle. Und denk ja nicht, ich würde es nicht merken!»
Seine linke Braue wanderte in die Höhe. «War das eine Herausforderung?»
«Eine Warnung.»
Er lächelte schief. Seraphina versuchte, streng zu bleiben. Beinahe gelang es ihr. Valk griff nach dem Mehltopf. – Nicht nach einer Beere, nicht nach dem Teig und nicht nach der Konfitüre. Nur nach dem kleinen Keramikgefäß, das er ein Stück zur Seite schob, als wolle er Platz schaffen. Seraphinas Blick folgte der Bewegung. Seine andere Hand glitt über das Brett.
«Valk.»
«Hm?»
«Zeig mir deine Hand.»
Er hob die linke. Sie war leer.
«Die andere.»
Er hob die rechte. Ebenfalls leer. Seraphina sah auf den Tisch. Ein Stück Teig fehlte. Langsam blickte sie wieder zu ihm. Valk kaute.
«Zu wenig Salz», urteilte er.
«Das ist süsser Teig.»
«Dann eindeutig zu wenig Zucker.»
Sie griff nach einem Geschirrtuch. Valk wich zurück, noch bevor sie es werfen konnte. Das Tuch verfehlte ihn knapp und landete auf dem Boden.
«Gewalt», sagte er mit gespielter Bestürzung, «wegen fachlicher Kritik!»
«Das war noch nicht fertig!»
«Ich wollte bloss sicherstellen, dass du die Gäste nicht vergiftest.»
«Mit meinen Keksen?»
«Man kann nie wissen.»
Seraphina ging um den Tisch herum. Valk verlagerte sein Gewicht. Sie blieb stehen. Er blieb ebenfalls stehen. Für einen Moment betrachteten sie einander über die Ecke des Tisches hinweg. Dann griff Seraphina nach links. Valk täuschte rechts an, duckte sich unter ihrem Arm hindurch und schnappte im Vorbeigehen zwei Beeren aus der Schüssel.
«Eine», sagte Seraphina.
Valk war bereits auf der anderen Seite des Raumes. Er hielt beide Beeren zwischen den Fingern.
«Eine was?»
«Eine darfst du behalten. Die andere kommt zurück.»
Valk sah auf die beiden Beeren hinunter. Er legte sie dicht nebeneinander in seine Handfläche. Seine Miene wurde ernst. Beinahe feierlich.
«Sie waren ihr ganzes Leben zusammen.»
Seraphina stemmte die Hände in die Hüften. «Es sind Beeren.»
«Das macht ihre Bindung nicht weniger bedeutsam.»
Irgendwo in der Küche erklang ein einzelner, lang gezogener Geigenton. Seraphina blickte zur Decke. Valk hob die Beeren ein wenig höher.
«Gemeinsam wuchsen sie im Licht derselben Sonne.»
Ein zweiter Ton setzte ein, tiefer als der erste.
«Valk.»
«Sie trotzten Wind und Regen.»
Die unsichtbare Geige schwoll zu einer tragischen Melodie an.
«Hör auf damit.»
«Ich erzähle nur ihre Geschichte.»
Ein leiser Chor summte im Hintergrund. Valk bewegte die Beeren langsam auseinander.
«Und nun sollen sie getrennt werden. Nicht durch Schicksal oder Alter, sondern durch die Grausamkeit einer Frau, die behauptet, Kekse zu backen.»
«Gib mir die Beere.»
«Sie haben nur einander.»
«Valk.»
Der Chor wurde lauter. Seraphina griff nach ihm. Valk warf eine Beere in die Luft und fing sie mit dem Mund auf. Die Musik erreichte ihren dramatischen Höhepunkt. Er hob entschuldigend die zweite Beere. Dann ass er auch sie. Die Geige verstummte mit einem letzten, herzzerreißenden Ton. Seraphina starrte ihn an.
«Du hast sie beide gegessen.»
Valk kaute nachdenklich.
«Zumindest sind sie zusammen geblieben.»
Ein Lachen entkam ihr, bevor sie es verhindern konnte. Es war nur ein kurzer Laut, halb Empörung, halb Belustigung. Doch Valks Grinsen wurde breiter. Für einen Augenblick wirkte er jünger als sonst, weniger aufmerksam gegenüber Türen und Fenstern, weniger bereit, in jeder Bewegung eine Gefahr zu erkennen.
«Du bist unmöglich», sagte sie.
«Das wird häufig behauptet.»
Seraphina hob das Geschirrtuch vom Boden auf und warf es ihm diesmal direkt gegen die Brust. Valk fing es.
«Da du offenbar hierbleiben wirst, kannst du dich nützlich machen.»
«Das hatte ich eigentlich nicht vorgehabt.»
«Der Teig muss portioniert werden.»
«Ich bin kein Bäcker.»
«Du kannst zählen.»
«Gewagte Annahme.»
Sie deutete auf das freie Brett. «Gleich grosse Stücke.»
Valk blieb stehen, das Tuch noch immer in der Hand. «Und was erhalte ich dafür?»
Seraphina sah ihn lange an. Dann schob sie das Glas mit der Konfitüre näher zu sich. «Du darfst am Ende einen Keks haben.»
«Einen?»
«Aber nur, wenn du dich benimmst.»
«Dann erhalte ich also keinen.»
«Das liegt ganz bei dir.»
Er kam zurück an den Tisch.
«Zwei.»
«Einen.»
«Einen Keks und die Qualitätskontrolle der Konfitüre.»
«Nein.»
«Zwei Kekse.»
«Einen.»
«Ein Keks und drei Beeren.»
«Zwei Beeren.»
«Vier.»
«Valk.»
«Drei»
Seraphina seufzte. «Drei Beeren.»
Er legte das Tuch ordentlich zusammen und platzierte es neben dem Brett.
«Es ist mir eine Freude, mit Ihnen Geschäfte zu machen.»
Seraphina schüttelte den Kopf und wandte sich dem nächsten Blech zu. Valk begann, den Teig zu teilen. Zunächst tatsächlich gewissenhaft. Seine Stücke waren beinahe exakt gleich gross, sauber abgetrennt und mit überraschend geschickten Bewegungen gerollt. Es war dieselbe Fingerfertigkeit, mit der er Schlösser öffnete, Karten mischte oder einen kleinen Gegenstand verschwinden liess. Nach der sechsten Kugel fehlte erneut ein Stück. Seraphina bemerkte es bei der achten.
«Ich kann dich sehen», warnte sie.
«Das wäre beunruhigend, wenn du es nicht könntest.»
«Du hast Teig im Ärmel.»
Valk blickte an sich hinab.
«Eine schwere Anschuldigung.»
«Dein Ärmel bewegt sich.»
Er hielt den Arm still. Unter dem Stoff rutschte das Teigstück langsam bis zu seinem Handgelenk. Seraphina wartete. Valk wartete ebenfalls. Das Stück fiel auf den Tisch. Er betrachtete es.
«Seltsam.»
«Sehr.»
«Vielleicht ist das Manor noch immer von räumlichen Verwerfungen betroffen.»
Seraphina blinzelte langsam. «…Natürlich.»
«Wir sollten Elyas informieren.»
«Oder ich schlage dir mit dem Löffel auf die Finger.»
«Das scheint voreilig.»
Seraphina nahm das Stück und legte es zu den übrigen. Hinter ihr hob sich eine zweite Teigkugel vom Brett. Eine durchscheinende, arkane Hand hielt sie vorsichtig zwischen zwei Fingern. Die Mage Hand bewegte sich langsam über die Tischkante hinweg, während Valk mit vollkommener Hingabe die nächste Portion formte. Seraphina sah zunächst zu Valks Händen. Beide waren sichtbar. Dann fiel ihr Blick auf die schwebende Teigkugel.
«Leg das zurück.»
Die Mage Hand hielt inne. Valk arbeitete weiter. Die Hand drehte sich langsam, als suche sie nach der angesprochenen Person.
«Ich rede mit dir», sagte Seraphina.
Die arkane Hand deutete auf Valk.
Er blickte auf. «Was?»
«Deine Hand stiehlt Teig.»
Valk betrachtete die Mage Hand. «Das ist enttäuschend.»
Die Hand drückte die Teigkugel an ihre unsichtbare Brust.
«Sie scheint hungrig zu sein», meinte Valk mit gerunzelter Stirn.
«Sie hat keinen Mund.»
«Das erklärt vermutlich ihre Frustration.»
«Leg. Das. Zurück.»
Die Mage Hand zögerte. Dann bewegte sie sich gehorsam zum Brett. Kurz vor dem Ziel wechselte die Teigkugel in Valks linke Hand. Die arkane Hand legte sich leer auf das Brett. Seraphina beobachtete sie. Valk liess den Teig mit der rechten Hand in seinem Ärmel verschwinden.
«Schau doch», sagte er mit gespielten Erstaunen, «sie hört auf dich.»
Seraphina betrachtete erst die leere Mage Hand und dann Valks ausserordentlich unschuldiges Gesicht.
«Ich rede mit euch beiden.»
Valk legte eine Hand an die Brust. Die Mage Hand tat es ihm gleich.
«Diese Anschuldigungen verletzen uns.»
Seraphinas Blick fiel auf seinen Ärmel.
«Hol es heraus.»
«Was?»
«Das Teigstück.»
«Welches Teigstück?»
Sie hob den Löffel. Valk zog den Teig aus dem Ärmel und legte ihn zurück.
«Es wäre einfacher, wenn du gleich vernünftig wärst», sagte sie.
«Dann hättest du wesentlich weniger Unterhaltung.»
«Das werde ich überleben.»
Sie griff nach dem kleinen Zuckergefäß, das am anderen Ende des Tisches stand. Bevor sie sich über das Brett beugen konnte, schob die Mage Hand es zu ihr. Diesmal ohne Umweg. Ohne Theater. Das Gefäß kam genau neben ihrer rechten Hand zum Stehen.
Seraphina hielt kurz inne. «Danke.»
Valk betrachtete kritisch eine Teigkugel. «Wofür?»
«Natürlich.»
Die Mage Hand verschwand und eine Weile arbeiteten sie tatsächlich wortlos an den Keksen. Als sie nach einer schweren Schüssel griff, legte er wortlos eine Hand an den zweiten Henkel.
«Ich kann das», sagte sie.
«Daran habe ich nicht gezweifelt.»
Gemeinsam hoben sie die Schüssel auf die andere Seite des Tisches.
«Dank-» Seraphina sah gerade noch, wie er mit dem Finger über den Rand des Löffels strich.
Seraphina schlug nach seiner Hand. Valk zog sie zurück.
«Drei Beeren», erinnerte sie ihn. «Keine Konfitüre.»
«Ich habe nichts genommen.»
Seraphina blickte auf den Löffel. Die Konfitüre war noch da. Dann bemerkte sie das kleine Stück Brot in seiner anderen Hand. Valk biss hinein. Dunkle Beerenkonfitüre quoll zwischen den Hälften hervor.
«Wann hast du -?»
«Du solltest aufmerksamer sein.»
Seraphina starrte ihn an. «Du hast das Brot vorhin vom Fensterbrett genommen.»
«Vielleicht.»
«Bevor du überhaupt zur Konfitüre gegangen bist.»
«Vorausschauende Planung.»
«Und wann hast du es bestrichen?»
Valk kaute. «Geschäftsgeheimnis.»
Seraphina griff wieder nach dem Geschirrtuch. Er duckte sich lachend weg. Danach liess sie ihn tatsächlich arbeiten. Eine Weile herrschte beinahe Ruhe. Valk formte die Teigportionen. Seraphina füllte sie mit Konfitüre. Dann wandte sie sich dem Regal hinter ihr zu. Eine flache Metalldose stand auf dem obersten Brett, knapp ausserhalb ihrer Reichweite. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen. Valk sah es. Er sagte nichts. Seraphina streckte sich weiter, kam mit den Fingerspitzen aber nur an die Unterseite des Regals. Dann erschien neben der Dose die Mage Hand.
«Ausnahmsweise könntest du damit tatsächlich helfen», meinte Seraphina.
Die Hand legte sich um die Dose, während Valk nachdenklich das Regal betrachtete. Dann zog die Mage Hand die Dose einen halben Zoll nach hinten.
Seraphina hielt inne. „Valk.“
„Sie klemmt.“
Die Dose glitt noch ein Stück weiter ausser Reichweite. Seraphina drehte langsam den Kopf zu ihm. Valks Gesicht war von vollkommener Unschuld.
«Ich sehe, was du tust. Bring sie her.»
Die Mage Hand hob die Dose an. Für einen Moment sah es aus, als würde sie gehorchen. Dann setzte sie sie auf dem Regal noch weiter hinten ab. Seraphina griff nach dem Löffel. Schritte näherten sich im Korridor. Valks Blick sprang automatisch zur Tür. Als Ignish im Eingang erschien, wich die Spannung beinahe sofort wieder aus Valks Schultern. Der Dragonborn musste den Kopf leicht senken, als er durch den Türrahmen trat. Er blieb stehen. Sein Blick fiel zuerst auf Seraphina. Dann auf ihren ausgestreckten Arm. Dann auf die Dose im hintersten Winkel des obersten Regals. Seine Haltung veränderte sich auf eine Weise, die beinahe feierlich wirkte.
«Lady Seraphina», sagte er.
Valk blickte von ihm zu Seraphina. Seraphina schloss kurz die Augen.
«Ignish.»
«Ich hoffe, ich störe nicht.»
Valk liess ein kleines Teigstück zwischen seinen Fingern verschwinden. Seraphina deutete wortlos auf ihn. Ignish sah zu Valk.
«Ich korrigiere mich», sagte er. «Ich hoffe, ich bin rechtzeitig eingetroffen, um einen Raubüberfall zu verhindern.»
«Zu spät», erwiderte Seraphina.
Valk kaute und hob unschuldig beide Hände. «Es gab Verhandlungen.»
«Er stiehlt Teig.»
«Qualitätsprüfung.»
«Und er hat die Dose nach hinten geschoben.»
Ignish blickte zum Regal. Die Mage Hand saß auf der Dose und schien sich daran festzuhalten.
«Eine schwere Anschuldigung», entgegnete Valk.
Die arkane Hand zeigte auf Seraphina.
«Deine eigene Magie beschuldigt mich?»
«Ich fürchte, sie ist sehr unabhängig.»
Seraphina wandte sich an Ignish. «Ich brauche die Dose dort oben.»
«Selbstverständlich.»
Ignish trat zum Regal. Obwohl er grösser war als Seraphina, erreichten auch seine Fingerspitzen die Dose nicht sicher. Valk lehnte sich mit der Hüfte an den Tisch und beobachtete ihn. Ignish schätzte die Höhe ab. Dann sah er zu Seraphina.
«Mit Eurer Erlaubnis.»
«Wofü- »
Er legte beide Hände behutsam um ihre Taille und hob sie hoch. Seraphina stiess einen kurzen überraschten Laut aus. Eine Hand landete instinktiv auf Ignishs Schulter.
«Ignish!»
«Die Dose», erinnerte er sie höflich.
Seraphina nahm sie vom Regal. Valk wurde vollkommen still.
Sein Blick wanderte von Ignish zu Seraphina, dann zu Ignishs Hände" und wieder zu Seraphinas Gesicht. Langsam breitete sich ein Grinsen auf seinen Zügen aus.
Ignish setzte Seraphina ebenso vorsichtig wieder ab.
«Danke», sagte sie und strich verlegen ihre Kleidung glatt.
«Es ist mir stets ein Vergnügen, Euch behilflich zu sein.»
Valk legte beide Hände auf den Tisch. «Lady Seraphina.»
Sie zeigte mit der Dose auf ihn. «Kein Wort.»
«Ich habe nur deinen Titel wiederholt.»
«Ich habe keinen Titel.»
«Ignish scheint da anderer Ansicht zu sein.»
Ignish richtete sich etwas gerader auf.
«Höflichkeit erfordert keinen Adelstitel.»
«Nein», sagte Valk. «Nur das Hochheben einer Dame.»
Seraphina wurde ein wenig wärmer im Gesicht. «Valk», sagte sie warnend.
«Lady Seraphina», antwortete er sanft.
Ihre Augen funkelten ihn warnend an. Ignish trat näher an den Tisch.
«Kann ich Euch noch bei etwas unterstützen?»
Das ‘Euch' war nicht notwendig. Der förmliche Ton ebenfalls nicht. Valks Grinsen kehrte zurück. Seraphina sah demonstrativ nicht zu ihm.
«Du könntest die Bleche zum Ofen tragen», sagte sie. «Vorsichtig. Die gefüllten Mulden dürfen nicht verlaufen.»
Ignish legte eine Hand an die Brust. «Ihr könnt Euch auf mich verlassen.»
Seraphina deutete auf das erste Blech. Ignish nahm es mit einer Behutsamkeit auf, als trüge er eine zerbrechliche Reliquie. Seine grossen Hände passten kaum unter die schmalen Ränder, doch das Blech blieb vollkommen ruhig. Als Seraphina nach dem zweiten Blech griff, zuckte ihre Hand zurück. Nur eine kleine Bewegung. Ein kurzes Einatmen. Valks Blick fiel sofort auf ihre Finger.
«Heiss?»
«Es geht.» Sie griff erneut danach.
Noch bevor ihre Hand den Rand erreichte, schob sich das zusammengefaltete Geschirrtuch über den Tisch zu ihr. Nicht durch Magie. Valk hatte es mit zwei Fingern über das Holz gleiten lassen, ohne seine Arbeit sichtbar zu unterbrechen.
«Nimm das.»
Seraphina sah auf das Tuch.
«Ich kann ein Blech tragen.»
«Das bezweifle ich nicht.»
«Warum dann der Ton?»
«Weil verbrannte Finger die Arbeit verlangsamen.»
«Natürlich.»
«Und weil du dann vermutlich schlechter zielen würdest.»
Er deutete auf den Löffel. Seraphinas Mundwinkel zuckte.
«Das wäre tatsächlich ein Problem.»
«Siehst du.»
Ignish war bereits wieder bei ihnen.
«Erlaubt mir.» Er nahm das Blech mithilfe eines zweiten Tuches entgegen. Während er sich zum Ofen wandte, erschien die Mage Hand neben dem halb im Weg stehenden Korb. Sie packte den Henkel und zog ihn aus dem Durchgang.
«Arbeitsteilung», erklärte Valk.
Seraphina sah auf seine Teigportionen.
«Du hast seit Ignishs Ankunft kein einziges Stück geformt.»
Valk blickte auf das Brett.
«Ich koordiniere.»
«Du starrst.»
«Beobachtung ist ein wesentlicher Teil meiner Arbeit.»
«Dann beobachte den Teig.»
Er senkte den Blick. Ignish kehrte zurück.
«Was kann ich als Nächstes tun?»
«Die Nüsse hacken», sagte Seraphina.
«Mit Vergnügen.»
«Nicht mit dem Schwert“, ergänzte Valk.
Ignish hielt inne. «Ich hatte nicht vor, mein Schwert zu verwenden.»
«Gut. Seraphina ist streng, was Küchenwaffen betrifft.»
«Ich bin streng, was dich betrifft.»
«Das klingt persönlicher.»
«Das ist es.»
Ignish nahm das kleinere Messer, das Seraphina ihm reichte. Seine Finger schlossen sich vorsichtig um den Griff. Er fragte nach der gewünschten Feinheit, nach der Menge und danach, ob er die bereits gerösteten Nüsse von den ungerösteten trennen solle. Seraphina erklärte es ihm geduldig. Valk lehnte am Tisch und beobachtete beide. Ignish hörte ihr zu, als beschreibe sie eine militärische Strategie, von der das Schicksal des Manor abhing. Seraphina wurde unter seiner Aufmerksamkeit merklich förmlicher. Nicht unbehaglich, nur bewusster. Das Messer klopfte regelmäßig gegen das Brett. Draussen rief irgendein ardanischer Vogel mit einer fremdartigen Melodie. Im Ofen begann Butter zu schmelzen, Zucker zu karamellisieren und die Konfitüre leise zu blubbern. Der Duft wurde stärker. Vertrauter. Valks Hände hielten für einen Moment inne.
Es war nicht dieselbe Küche. Nicht dieselbe Stadt. Nicht einmal dieselbe Welt. Aber Zimt blieb Zimt. Geröstete Nüsse rochen überall gleich. Und Beerenkonfitüre, die an den Rändern eines Gebäcks zu dunkel wurde, erinnerte ihn an Marktstände, an kalte Morgen, an die Wärme des Gebäcks, welche seine frierende Finger auftauten. Seraphina bemerkte seine Stille. Sie sagte nichts dazu. Stattdessen schob sie ihm eine einzelne Beere über den Tisch. Valk sah sie an.
«Die erste deiner ausgehandelten drei», sagte sie.
Er nahm sie.
«Ich wusste, dass du Verträge ehrst.»
«Im Gegensatz zu dir.»
«Unbewiesene Verleumdung.»
«Du isst die Zutaten und hast viermal Teig gestohlen!»
«Das Stück aus dem Ärmel war ein Unfall.»
Ignish hielt mit dem Hacken inne.
«Wie gelangt Teig versehentlich in einen Ärmel?»
«Räumliche Verwerfungen», erklärte Seraphina nach einer kurzen Pause.
Ignish sah erst sie, dann Valk an.
Valk nickte ernst. «Elyas untersucht es.»
Seraphina presste die Lippen zusammen. Ignish blinzelte. Dann begann er zu lachen. Nicht laut, aber tief und warm. Seraphina hielt noch einen Moment durch, bevor auch sie lachte. Valk bewahrte seine ernste Miene länger als nötig und betrachtete die Beere zwischen seinen Fingern. Sie war kleiner als die übrigen, sehr dunkel und leicht runzlig.
«Die sieht verdorben aus», sagte er.
«Dann iss sie nicht», erwiderte Seraphina.
Valk musterte sie.
«Das klang beinahe wie eine Herausforderung.»
«Es war eine Warnung.»
«Das verwechselst du häufig.»
Seraphina schüttelte den Kopf.
Ignish betrachtete die Beere. «Sie ist sehr sauer.»
Valk warf ihm einen Blick zu. «Das ist eine ardanische Beere.»
«Ja.»
«Du kennst ardanische Beeren?»
«Ich habe letzte Woche so eine probiert.»
«Aber nicht die hier?»
Ignish schwieg. Seraphina lächelte.
Valk sah zwischen ihnen hin und her. «Ihr versucht, mich einzuschüchtern.»
«Wir versuchen, dich zu warnen“, korrigierte Seraphina.
«Das ist wesentlich verdächtiger.»
Trommelwirbel setzte ein. Die Mage Hand hob den Daumen. Valk warf die Beere in die Luft und fing sie mit dem Mund auf. Der Trommelwirbel endete mit einem triumphalen Paukenschlag. Er biss zu und Säure explodierte auf seiner Zunge. Die Wirkung war augenblicklich. Die Mage Hand, die noch mit erhobenen Daumen neben seiner Schulter schwebte, flackerte einmal und löste sich auf. Selbst das schwache Funkeln, das über der Beerenschüssel gelegen hatte, verschwand. Die Küche wurde vollkommen still. Valk erstarrte. Seine Augen kniffen sich zusammen. Seine Nase verzog sich, und sein ganzer Oberkörper spannte sich an, als hätte ihn jemand unvermittelt mit einem Zauber getroffen. Für einen kostbaren Moment besass er keinerlei Gesichtskontrolle. Dann versuchte er, sie zurückzugewinnen. Langsam kaute er weiter. Seraphina beobachtete ihn.
Ignish betrachtete die Stelle, an der die Mage Hand verschwunden war.
«Hat die Beere gerade seine Magie besiegt?», fragte er.
Valk hob einen Finger. Er brauchte einen Augenblick, bevor er sprechen konnte.
«Nein.» Seine Stimme war etwas zu hoch.
Seraphina legte den Kopf schräg.
«Die Hand ist fort.»
«Sie hatte andere Verpflichtungen.»
«Deine Augen tränen.»
Valk schluckte. Es war sichtbar mühsam. «Atmosphärischer Rauch.»
Ignish gab einen tiefen, erstickten Laut von sich. Seraphinas Mundwinkel zuckte.
«Ist sie ausgezeichnet?», fragte sie.
«Wer?»
«Die Beere.»
Valk brachte seinen Kiefer unter Kontrolle. «Ausserordentlich.»
«Du siehst aus, als hättest du in eine Zitrone gebissen.»
«Verleumdung.»
«Du weinst.»
«Körperliche Reaktion.»
«Auf ihren hervorragenden Geschmack?»
«Genau.»
Valk beschwor die Mage Hand erneut. Ihre Konturen erschienen schwach neben dem Krug. Die arkane Hand griff nach dem Henkel. Seraphina legte ihre eigene Hand darauf. Die Mage Hand zog. Der Krug bewegte sich nicht. Valk sah Seraphina an.
Seraphina sah zurück. «Was?», fragte sie.
«Lass los.»
«Warum?»
«Die Hand möchte den Krug.»
«Die Hand trinkt nicht.»
«Vielleicht ist sie durstig.»
Die Mage Hand zog energischer. Seraphina hielt den Krug fest.
«Du hast gesagt, die Beere sei ausgezeichnet.»
«War sie.»
«Dann brauchst du kein Wasser.»
«Man darf zu ausgezeichnetem Essen trinken.»
«Du könntest einfach zugeben, dass sie sauer ist.»
Valk schwieg. Seine Augen tränten inzwischen offen.
«Niemals», sagte Ignish leise.
Seraphina blickte zu ihm.
Ignish schüttelte den Kopf. «Er wird es niemals zugeben.»
«Das wäre auch sachlich falsch», sagte Valk.
Ignish brach zuerst. Sein Lachen kam tief aus seiner Brust, zunächst als einzelner Laut, dann offen und warm. Seraphina hielt noch zwei Sekunden länger durch. Dann sah sie Valks vollkommen gerade Haltung, seine feuchten Augen und die Mage Hand, die mit beiden arkanen Händen verzweifelt am Wasserkrug zog. Auch sie begann zu lachen.
«Du hättest sie ausspucken können», brachte sie hervor.
«Und dir recht geben?»
«Du könntest jetzt noch zugeben, dass sie ungeniessbar ist.»
«Sie besitzt einen anspruchsvollen Geschmack.»
«Sie löst Farbe ab.»
«Charakterstark.»
Ignish stützte eine Hand auf den Tisch. Sein Lachen wurde lauter. Seraphina musste den Krug loslassen, weil sie sich die Tränen aus den Augen wischte. Die Mage Hand zog noch immer. Als der Widerstand plötzlich verschwand, schoss der Krug über den Tisch. Valks Augen weiteten sich. Seine eigene Hand schnellte vor und fing ihn am Henkel, ehe er über die Kante rutschen konnte. Ein wenig Wasser schwappte über. Valk hielt den Krug fest. Seraphina sah ihn an. Ignish sah ihn an. Die Mage Hand schwebte reglos daneben.
«Absicht», sagte Valk.
Das war zu viel. Seraphina beugte sich lachend über den Tisch. Ignish musste sich mit beiden Händen abstützen. Selbst die Mage Hand sank ein wenig ab, als wäre sie erschöpft. Valk schenkte sich ein Glas ein. Seine Hand blieb bemerkenswert ruhig. Er trank es in einem Zug leer.
«Besser?», fragte Seraphina.
«Ich weiß nicht, wovon du sprichst.»
«Stimme war noch immer gepresst.
«Noch eine?»
Sie nahm eine zweite dunkle Beere aus der Schüssel. Valk wich einen halben Schritt zurück. Rein instinktiv. Seraphina sah auf seine Füsse. Dann zu ihm. Valk richtete sich wieder auf.
«Ich habe lediglich Platz geschaffen.»
«Für die Beere?»
«Für Ignish.»
Ignish stand auf der anderen Seite des Tisches.
«Sehr umsichtig», sagte er.
Valk versuchte, beide mit verletzter Würde anzusehen. Dann hob sich sein Mundwinkel. Nur ein wenig zunächst. Seraphina hielt ihm die Beere hin. Die Mage Hand erschien hinter ihrer Schulter, nahm die Frucht vorsichtig zwischen zwei Finger und trug sie von Valk fort. Weit fort. Sie legte sie auf das höchste Regal. Valk sah ihr nach.
«Wenigstens eine von uns lernt aus ihren Fehlern», sagte Seraphina.
Valk hielt noch einen Augenblick an seiner Empörung fest. Dann versagte seine Fassade endgültig. Er schloss die Augen, senkte den Kopf und lachte. Nicht nur ein trockenes Ausatmen oder das schmale Geräusch, das er gewöhnlich als Lachen durchgehen liess. Es war offen und ehrlich. Seine Schultern bebten, und für einige Augenblicke schien er zu vergessen, den Raum zu beobachten. Ignish lachte mit ihm. Seraphina ebenfalls. Die Küche war zu warm. Mehl lag auf dem Boden, Wasser auf dem Tisch, Teig in Valks Ärmel und vermutlich auch Konfitüre irgendwo, wo Seraphina sie erst später finden würde. Doch der Geruch von Butter, Zimt und gerösteten Nüssen füllte den Raum. Für einige Augenblicke war Dragongaze Manor kein fremdes Haus in einer fremden Welt. Es war nur eine Küche. Zu voll, zu warm und voller Lachen.
Nachwirkung
Was hat sich für den Charakter verändert: Valk lebt sich langsam in Ardania ein und fühlt sich in Dragongaze Manor und bei Seraphina wohl genug, dass er herumalbern kann. Wichtige Erkenntnisse oder Gefühle: Die Beziehung zwischen Seraphina und Valk ist geschwisterlich. Die Heimat Faerûn scheint unerreichbar. Doch langsam wird Dragongaze Manor und ihre Bewohner das neue Zuhause. Bedeutung für spätere Ereignisse: Es knistert zwischen Seraphina und Ignish.