S25-S26-2 - Lace

Einordnung

Kampagne: The Masketiers Spielercharakter: Valk, Cruella (Teil 3) Zeitpunkt: nach S25 (ungefähr Nacht des 22 Sylvaris 662 nBG) Ort: Silent Dagger (Teil 1), Gasthof in Vendaris (Teil 2), Übungsplatz vor Dragongaze Manor (Teil 3) Beteiligte Personen: Lace, unbekannte Betrüger Erzählperspektive: persönliche Perspektive von Valk

Ausgangslage

Valk besucht Lace im Silent Dagger, wo mit einem Missverständnis aufgeräumt wird.

Geschichte

I - Im Silent Dagger

Die Bardin im Silent Dagger erhielt anerkennenden Applaus, als ihre Stimme mit der letzten Note verstummte. Mit einem Lächeln verneigte sie sich dankend vor den Gästen, die sich alsdann wieder ihren Getränken und Gesprächen widmeten. Es war früher Nachmittag und noch war der Schankraum nur mässig gefüllt.

Auch die übliche kleine Schar Bewunderer blieb diesmal aus. Nur ein einzelner Mann wartete auf Lace, als sie von der Bühne trat: gross gewachsen, mit zurückgegeltem, schwarzem Haar und Dreitagebart, eine einzelne Rose in der Hand haltend. "Das war grossartig. Die Leute hier wissen gar nicht zu schätzen, was sie gerade erleben durften", sagte er, während er einen missbilligenden Blick über die Gäste warf.

"Vielen Dank", sagte Lace mit einem koketten Lächeln und nahm die Rose entgegen. Ihre Augen huschten über den Mann. Irgendetwas an ihm kam ihr vertraut vor. Die Stimme, die Art wie er sich bewegte, wie er sie ansah. Aber sie konnte ihn nicht direkt einordnen. "Sie müssen durstig sein. Lassen Sie mich Ihnen einen Drink holen - wenn Sie erlauben?", fuhr er fort.

Lace erlaubte. Der Mann hatte für Sie Wasser und ihren Lieblingsdrink bestellt und sass nun neben ihr. Lace hob eine Braue. "Kennen wir uns?"

Der Mann grinste verschmitzt, beugte sich zu ihr hinüber und raunte ihr zu: "Sowohl Rose als auch Getränk kommen von Valk mit den ehrerbietendsten Grüssen. Und dann gibt es noch etwas - aber vielleicht nicht hier in der Öffentlichkeit?"

Überrascht blickte Lace in das Gesicht des Mannes. Dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen - die Stimme, die Art wie der Mann sich bewegte, die Gesichtsausdrücke - natürlich kannte sie die, sie gehörten bloss einem anderen Gesicht. "Valk!", antwortete sie mit gedämpfter Stimme, "lange nicht mehr gesehen! Ich hab schon gedacht, du hättest was Grösseres angefressen und musstest die Stadt für Immer verlassen!" Ihr aufgehelltes Gesicht drückte ehrliche Freude aus.

"Ach!", sagte er und winkte ab, "das kriegt der Valk schon hin. Er ist ein fähiger Kämpfer, ein raffinierter Rogue, ein hervorragender Überlebenskünstler... und treuer Liebhaber." Seine Stimme war gegen Schluss eine blosses Raunen und er küsste direkt ihre Hand.

"Ein Handkuss wird _gehaucht_! Hast du das nicht gewusst?", lachte Lace und kicherte hinter vorgehaltenem Mund los, als sie kurz den verdutzten und ungläubigen Ausdruck über sein Gesicht huschen sah. "Du bist unmöglich. Und was hast du angestellt, dass du verkleidet durch Vendaris musst?"

Sein Blick glitt kurz zum Eingang, über die wenigen Gäste und zuletzt hinauf zur Treppe, die in die oberen Geschosse des Gasthauses führte. "Schon gut, ich hab verstanden!" Lace schüttelte lächelnd den Kopf und zog Valk an der Hand vom Hocker und führte ihn in ihr Zimmer hinauf.

Valk lag auf dem Rücken und starrte die Decke an. Das Licht der Nachmittagssonne drang durch einen schmalen Streifen zwischen den Vorhängen in Laces Zimmer über der Gaststätte ein. Unter den Dielen konnte man dumpf die Stimmen der Gäste hören. Jemand lachte zu laut. Ein Stuhl schabte quietschend über Holz. Neben sich hatte Lace sich aufgesetzt und schritt leise summend zur Kommode, wo sie sich die Haare bürstete. Sie sah wunderschön aus. Valk betrachtete fast hypnotisiert ihren sanft geschwungenen Rücken, ihre Arme, wie sie mit langsamen Bewegungen die Bürste durch die Haare gleiten liess. So etwas Alltägliches wurde zur poetischen Kunst, wenn sie es tat. Und Valk konnte nur ergriffen beobachten. Er wandte sich wieder der Decke zu. Innere Unruhe lenkte ihn ab. Er verstand nicht genau, weshalb.

«Ich war tot», sagte er plötzlich.

Das Summen hörte auf. Lace drehte ihren Kopf. «Was?»

«Tot. Also ich. Bin Gestorben.»

Lace blinzelte und setzte sich zu ihm an die Bettkante. Ihre Haare fielen wie ein Wasserfall über ihre Schulter. Valk räusperte sich. «Es, ähm, war nur kurz. Also. Von unserer Welt aus betrachtet. Wahrscheinlich.»

«Hat das etwas damit zu tun, dass du untertauchen musst?»

«Nein.»

«Aha.» Eine kurze Pause. «Aber du lebst jetzt, oder?»

«Ja.»

Sie kicherte verschmitzt und zeichnete mit ihrem Finger kleine Kreise über seine Brust. «Vorhin hast du alles andere als tot auf mich gewirkt! Gut zu wissen, dass ich mich nicht irrte.» Sie lachte.

Er lachte mit. Nicht, weil er es lustig fand. Mehr aus Reflex.

«Du wurdest also wiederbelebt?»

«Mhm.»

«Dann ist ja alles gut!» Sie lächelte, als hätte sie etwas Tröstliches gesagt.

– Vielleicht hatte sie das. Vielleicht war nur mit ihm etwas falsch, weil es sich nicht tröstlich anfühlte.

«Ja.» Er zuckte leicht mit den Schultern.

Sie lehnte sich vor, stützte sich mit dem Ellbogen am Kinn und betrachtete ihn mit neuem Interesse. «Wiederbelebung ist teuer, oder?»

«Vermutlich.»

«Vermutlich?» Sie lachte. «Valk, normale Leute wie ich sterben und bleiben tot! So einfach ist das. Vielleicht sollte ich mich bei euch bewerben, wenn ihr so erfolgreich seid. Bardinnen kann jede Abenteurergruppe brauchen.»

«Dabei singen unsere Gegner immer für uns.»

«Hey, ich singe garantiert besser!» Lace lachte wieder und stiess mit dem Fuss gegen sein Bein. Es war leicht. Vertraut. Zärtlich. Aber Valk fühlte nichts.

«Nun», sagte sie, während sie nach ihrem Hemd griff, «vielleicht sehe ich dann ja deinen hübschen Freund wieder.»

Etwas in ihm wurde still. «Elyas», sagte Valk.

«Mhm.» Lace zog das Hemd über den Kopf. Ihre Stimme kam gedämpft durch den Stoff. «So einen ernsten Mann zu verunsichern und – « Lace tauchte wieder aus dem Hemd auf und grinste « – aufzuziehen macht bestimmt Spass!»

Valk schwieg. …Damals hatte sie Elyas gewollt. Das wusste er. Alle hatten es gewusst.
Sie waren frisch in Ardania angekommen. Sie brauchten Informationen. Über alles. Inklusive den einfachsten, alltäglichsten Dingen. Und Cruella hatte es ausgehandelt, als sie ihre Redebereitschaft bemerkte. Und sie nannte einen Preis. Doch Elyas hatte ausgesehen, als wolle er lieber von einem Oger gefressen werden. Und Valk… Valk hatte angeboten. – Nein. Nicht angeboten. Sich _hineingedrängt_. Weil Lace schön gewesen war. Weil sie gelächelt hatte und sein Herz damals geschlagen hatte, dass er es bis im Hals gespürt hatte. Weil es leicht gewesen war, Elyas' Gesicht über das eigene zu legen und so zu tun, als sei Mut dasselbe wie Begierde. Und später hatte sie ihn wiederkommen lassen. Mit seinem eigenen Gesicht. Er war sich sicher, das bedeute etwas.

Seine Finger tasteten unter der Decke. Fanden den dünnen Saum seines Hemds, und griffen nach der Kette darunter, um sie wieder um seinen Hals zu legen. Der Anhänger lag kühl und vertraut auf seiner Brust, als hätte er die ganze Zeit auf ihn gewartet. Valk schloss seine Hand darum. Leosin hätte gewusst, was man glauben durfte und was nicht. Und er hätte bestimmt gewusst, was man jetzt sagte.

Lace war inzwischen wieder angezogen und schritt zum kleinen Tisch am Fenster. Sie nahm den Becher, roch daran und verzog das Gesicht, ehe sie den Becher wieder abstellte. «Mach nicht so ein Gesicht», sagte sie über die Schulter. «Du bist hübscher, wenn du frech bist.»

Valk liess den Anhänger los und er fiel gegen seine Haut zurück. Er erinnerte sich noch vage an das Gefühl der friedlichen Leichtigkeit, als er im Nichts sich treiben liess. Er würde lügen, würde er behaupten, dass er sich aus dem ‘dort' zurückgekämpft hätte, weil Bahamut es ihm befahl. Oder weil er unbedingt überleben wollte. Nicht nur. Nein, es waren die Stimmen. Eine dumpfe Kakophonie von Wehklagen seiner Liebsten. Entfernt, verzerrt. Er hatte die Stimmen nicht gezählt. Er versuchte bloss zu verstehen, wer oder was ihnen Leid antat, doch sie klagten nur und erklärten nicht. Seit sie aus der Unterwasser-Höhle zurückkamen, hatte er hin und wieder versucht, sich zu erinnern, wen er gehört hatte. Er glaubte seine Mutter gehört zu haben. Und Cruellas zornige Stimme. Pock. Elyas. Seraphina. Ignishs Brüllen. Und weitere Stimmen, die er nicht zuordnen konnte.

Er stoppte den Gedanken und setzte sich auf. Er griff nach seinem Hemd und sein Arm suchte den Ärmel.

Lace lachte amüsiert. «Andersherum.»

«Ich weiss.»

Er hatte es nicht gewusst. Er zog das Hemd richtig an und knüpfte die Weste zu. Langsamer als sonst, denn die Finger wollten ihm nicht so recht gehorchen. Dann brach die Erkenntnis durch und präsentierte sich in einer ungebetenen Klarheit vor seinen Augen: Laces Stimme war nicht darunter. Sie hatte nicht nach ihm gerufen.

«Valk.»

Er sah nicht auf.

«Du bist seltsam heute.»

«Ich war tot», sagte er, zu schnell und mit einem zu bitteren Unterton. «Nachwirkungen», fügte er erklärend hinzu.

Lace schwieg. «Wird bestimmt wieder», sagte sie sanft.

Er nickte. Was gab es denn noch gross zu sagen? Er fand seinen Gürtel und schob die Dolche anschliessend an die richtige Stelle. Das Gewicht der Dolche am richtigen Platz, das half. An der Tür blieb er stehen. Er sollte nicht. Aber irgendein dummer Teil von ihm wartete noch immer. Hoffte auf etwas. Dass sie ihn rief, vielleicht. So, als ob es ihr wichtig wäre, dass er blieb. Dass… er ihre Stimme unter den Rufenden wiedererkannte.

«Du gehst schon?», fragte Lace.

Valk starrte auf die Hand, die auf der Klinke ruhte und sich nicht regte. «Ja.»

«Bis zum nächsten Mal?» Laces Stimme war unbekümmert.

Valk schloss die Augen. _Sag was Wortgewandtes und geh! Oder besser, halt die Klappe, lächle frech und GEH!,_ befahl er sich. «Ich liebe dich, Lace», hörte er sich stattdessen sagen. Er liess die Klinke los und blickte zu ihr zurück.

Die Worte hingen im Raum, während sie ihn erstaunt ansah. Dann lachte sie. Kurz. Mehr ein helles Aufatmen, als wüsste sie, dass jetzt ein guter Witz kommen würde. Doch Valk starrte lediglich zurück.

«Oh.» Ihr Lächeln erstarb.

Ein kleiner Laut, der untergegangen wäre, hätten die Menschen unter ihnen eine Sekunde später gejohlt. Doch es schnitt sich scharf und tief in seine Brust.

Hinter ihm raschelte Stoff und Lace trat näher. «Valk», sagte sie behutsam.

Er hasste es, wie vorsichtig sie plötzlich klang.

«Ich…» Sie hielt inne und suchte nach Worten. Das war neu. Lace suchte selten nach Worten. «Ich… dachte, du machst einen Scherz.»

«Hm», machte er zustimmend und nickte einmal. Er ballte die Hand zu einer Faust.

«Tut mir Leid, das war nicht in Ordnung», sagte sie leiser.

Valk sagte nichts. Regte sich nicht. Vielleicht konnte er alles ungeschehen machen, wenn er so tat, als ob die letzte Minute nicht existiert hätte, hoffte ein kindlicher Teil in ihm. Vermutlich derselbe Teil, der nach einigen Küssen und einer Nacht anfing, sich Dinge einzubilden.

«Du bist süss», setzte Lace an. «Und schön. Und klug!» Sie klang beinahe hilflos. «Du bist geschickt und aufmerksam. Und ich mag dich. Wirklich.»

Er schloss die Augen.

Lace schluckte. «Aber nicht so.»

Er senkte den Kopf und starrte auf das Holz der Tür. Zwei lange Risse. Einen kurzen.

«Valk, ich hab dich gern hier.» Sie klang vorsichtig. Fast zärtlich. Und Valks Herz blutete. «Aber ich dachte, du weisst, was das hier ist.»

Er nickte langsam.

«Wusstest du es?»

Eine einfache Frage. Sie verlangte keine komplizierte Antwort. Er könnte lügen. – Ob Leosins Anhänger ihn auch für eine solche Lüge bestraft hätte? Ein hinfälliger Gedanke, denn Mund und Stimme gehorchten ihm sowieso nicht.

«Damals, mit deinem Freund und der Illusion. Es begann als… ein dummer Handel. Ein kleines Spiel. Und es blieb ein dummes, kleines Spiel. Nichts mehr.» Ihre Stimme war nun fast ein Flüstern.

«Ich weiss.» Es war gelogen. Aber es war das Einzige, was noch nach einem Fetzen Würde klang.

Sie näherte sich, wollte die Hand auf seine Schulter legen, doch Valk wich zurück. Sie senkte langsam die Hand.

«Ich wollte dir nicht weh tun.» Aufrichtiges Bedauern war in ihrer Stimme zu hören. Umso tiefer traf der Satz wie eine in Gift getauchte Klinge. Er glaubte ihr. Sie hatte ihn nie getäuscht, nie etwas versprochen. Er war es selbst, der verblendet glaubte, sie bauten etwas auf. Er war es, der ihr ungefragt Hoffnung, Wünsche und sein Herz in die Hände gelegt hatte. Niemand hatte ihn ausgelacht, bis er selbst dafür gesorgt hatte.

«Schon gut», murmelte er. Er drückte die Klinke. Warme Luft und Musik schlug ihm entgegen. Er ging zur Treppe und blieb für einen Moment auf dem Treppenabsatz stehen. Der Anhänger war kalt unter seinem Hemd und er hatte das schreckliche Gefühl der Gewissheit, dass er zum ersten Mal diesen Abend wirklich sein eigenes Gesicht trug. Das Gesicht eines dummen, unerfahrenen Jungen.

Er ging die Treppe hinunter. Er spürte Laces Blick im Nacken. Sie blieb in ihrem Zimmer zurück. Und rief ihn nicht.


II - Taverne

Um diese Zeit liessen sich die Tavernen leicht finden. Man musste bloss den Rufen, Gelächter und Gejohle der Gäste folgen. Valk fand ziemlich schnell eine am anderen Ende des Viertels und sass nun mit seinem Becher in einer solchen Gaststätte – den Rücken zur Wand und Blick zur Tür. Dieses Mal hatte er mit einem Verkleidungsset sein Aussehen verändert. Er wollte noch nicht zurück nach Hause und sagte sich, dass die Verkleidung mit dem Set sicherer war, als wenn er nach jeder Stunde daran denken musste, den Disguise Self-Zauber zu erneuern.

Benommen starrte er auf die glänzende Flüssigkeit. Er konnte sich nicht erinnern, wie aus einem Becher plötzlich drei geworden waren. Zugegeben, das war gelogen. Er erinnerte sich an jeden einzelnen. Den ersten hatte er bestellt, weil er geglaubt hatte, der Alkohol würde den schalen Geschmack aus dem Mund spülen, den Laces Zimmer dort hinterlassen hatte. Ihr Lachen. Das vorsichtige Oh danach. Den zweiten hatte er genommen, weil er bemerkt hatte, dass Trinken nicht half, Aufhören aber noch weniger. Den dritten, weil der Wirt gefragt hatte, ob er zahlen könne und Valk sehr lange gebraucht hatte, um die Münzen aus seiner Tasche zu bekommen. Danach wurden die Ränder unsauber. Die Gaststube war laut, warm und voller Menschen, die nicht wussten, dass die Welt gerade eine besonders geschmacklose Form angenommen hatte. Jemand sang schief. Jemand fluchte. Jemand lachte.

Valks Finger lagen um einen Becher, den er nicht mehr wirklich wollte. Der Rand drückte gegen seine Haut. Er konzentrierte sich auf den Druck. Auf das Holz unter seinen Stiefeln. Auf den Rauch in der Luft. Nicht auf Lace. Nicht auf Cruella. Nicht auf die Tatsache, dass er einer Frau gesagt habe, er liebe sie und sie es für einen Witz gehalten hatte. Nicht auf die andere Frau, die ihn geliebt hatte und die er abgewiesen hatte, weil er vergeben war. _Vergeben._ Er schnaubte verächtlich. Das Wort war viel zu nobel für das, was es jetzt war. Am Tisch neben der Treppe wurde gespielt. Vier Männer, ein Mädchen mit zu grossen Augen und ein Haufen Münzen in der Mitte. Das Mädchen konnte kaum älter sein als sechzehn – vielleicht achtzehn, wenn die Welt freundlich sein wollte, was sie selten tat. Sie hielt ihren Becher mit beiden Händen und lächelte zu viel. Einer der Männer lachte.

Valk zuckte zusammen. Bier schwappte über den Rand seines Bechers und lief über seine Finger. Einer der Männer trug einen Dolch am Gürtel, schlecht befestigt. Der Grosse mit der Narbe am Hals musste der Aufpasser sein. Der Dünne mit den schönen Ringen mischte die Karten, teilte sie aus und tauschte einige gegen jene aus, die er in seinem Ärmel verborgen hielt. Ziemlich plump, eigentlich. Valk zwang sich wegzusehen. – Vier Atemzüge lang. Dann wanderte sein Blick wieder zurück zum Spieltisch. Der Dünne lachte, beugte sich vor, nahm die Würfel und liess sie in den Becher fallen. Zu laut, zu locker. Eine Vorstellung für das Mädchen, das überhaupt nicht auf seine Hände achtete. Der Aufpasser bemerkte Valks Blick. Sie spielten eine kurze Partie. Der Dünne legte die gewinnende Hand triumphierend vor dem Mädchen auf den Tisch. Natürlich verlor sie.

Die Münzen wanderten über den Tisch. Sie lachte unsicher und griff nach ihrem Becher, als könne sie darin eine Erklärung finden.

«Die nächste Partie wird auch nichts», hörte Valk sich plötzlich schwerfällig sagen. Seine Zunge rang mit jedem Wort.

Der Dünne mit den Ringen hob den Kopf. «Was?»

Valk liess seinen Blick über den Tisch mit den Karten schweifen. Er hätte jetzt Lächeln können. Einen Scherz machen. Sich lallend entschuldigen und behaupten, er habe bloss laut gedacht. Niemand nahm Betrunkene ernst, wenn sie klug genug waren, dumm zu wirken.
Er tat nichts dergleichen.

Der Aufpasser erhob sich langsam. Er war gross und breit. Ruhig und selbstsicher. «Hast du ein Problem mit unserem Spiel?», fragte er drohend.

Valk sah auf die Münzen. Dann auf das Mädchen. Dann auf die linke Hand des Dünnen.

«Nein.»

Der Aufpasser entspannte sich kaum merklich. Valk nahm einen Schluck Bier. Er verzog das Gesicht. Es schmeckte nach nichts.

«Aber ihr schummelt schon ziemlich plump. Geht das nicht besser?»

Um den Tisch herum entstand Stille. Der Dünne legte die Karten ab. Das Mädchen hörte auf zu lächeln. Valk wusste, was jetzt kommen würde. Die Gewissheit war beinahe beruhigend. Der Aufpasser trat näher. Ein Schritt. Noch einer. Valk hätte aufstehen müssen, bevor der Mann zwischen ihm und der Tür stand. Tat er nicht. Er hätte den Tisch kippen können. Oder die Hand heben, lachen und sagen, dass es ein schlechter Scherz gewesen sei. Dann sah er die Hand des grobschlächtigen Mannes nach seiner Weste greifen. Breite Finger. Schmutz unter den Nägeln. Daumen zu nah an der Kehle. Er hätte das Handgelenk drehen können. Ein wenig Druck. Ganz einfach. Der Mann hätte geflucht, die anderen wären aufgesprungen, Valk wäre über die Bank gesprungen, unter dem Arm des zweiten hindurchgetaucht und zur Tür hinausgerannt. Er blieb sitzen.

Der Aufpasser zog ihn halb vom Stuhl. «Sag das noch mal.»

Valks Knie stiess gegen die Tischkante. Sein Becher fiel um und rollte über das Holz, während sich das Bier über den Tisch ergoss.

Er starrte den Aufpasser dumpf an. «Welchen Teil?»

Der Schlag kam sofort und traf ihn am Mund. Für einen Augenblick wurde die Welt wunderbar einfach. Schmerz. Holz. Lärm. Der Geschmack von Blut. Keine versteckte Bedeutung. Kein _vielleicht_. Kein Lächeln, das er missverstehen konnte. Valk rutschte vom Stuhl und fing sich mit einer Hand an der Tischkante ab. Ein Würfel war von irgendwoher über das Holz gerollt und blieb direkt vor ihm liegen. Eine Eins. Er starrte darauf. Dann lachte er einmal. Kurz und hässlich.

«Der Kleine findet's komisch», bemerkte einer der Männer.

Der zweite Schlag kam überraschend von der Seite. Nein. Nicht wirklich überraschend. Er hatte nur nicht reagieren wollen.

Die Faust traf seine Schläfe. Die Gaststube kippte und diesmal ging der Halbelf zu Boden. Seine Schultern schlugen auf die Dielen. Jemand rief etwas. Jemand anderes brüllte: «Nicht hier drin!»

Valk blinzelte. Die Decke schwankte über ihm. Er spürte seinen Dolch gegen seine Hüfte drücken und ausnahmsweise waren sich Valk und die leise Stimme in seinem Kopf einig: Er liess die Finger von seinen Waffen. Ein Bein holte aus und sein Körper reagierte, ohne auf die Entscheidung seines Kopfes zu warten. Er rollte zur Seite, bevor ihn der Stiefel richtig am Bauch treffen konnte – jahrelanges Training, zuverlässig wie ein Fluch. Der Tritt erwischte stattdessen seine Rippen. Heisser Schmerz flammte auf. Valk schnappte nach Luft. Das Loch in seiner Brust wurde für einen kurzen, süssen Atemzug übertönt. Nur für einen. Er kam wieder auf die Knie. Nicht gut. Eine Hand am Boden, die andere um ein Stuhlbein geschlossen. Die leise Stimme der Vernunft befahl ihm verzweifelt, unten zu bleiben. Hände über den Kopf halten. Auszuatmen. Zu warten.

Fünfhundert Goldstücke, schoss es ihm plötzlich durch den Kopf. Für ein zweites Leben. Und er verwendete es für schlechtes Bier und noch schlechtere Entscheidungen, während Slip geduldig auf seinen Kopf wartete.

«Aufstehen», sagte der Aufpasser.

Valk hob den Kopf – und blieb dieses Mal unten.

«N-nicht mehr schlagen, bitte», nuschelte er. Seine Stimme war klein geworden. Er senkte den Kopf beinahe sofort wieder und hob beide Hände, die Handflächen offen. Er zog die Schultern ein. Blut lief ihm über die Lippe; er wischte es nicht weg. Nur seine Augen huschten umher und suchten nach der besten Fluchtmöglichkeit.

«War dumm», brachte er nach einem Moment hervor. «Ich halt schon die Klappe.»

Die Haltung des Aufpassers lockerte sich einen Augenblick. Mehr brauchte Valk nicht. Er riss den Tisch zwischen ihnen um und war bereits auf den Beinen, bevor die Männer begriffen, was geschah.

«Halt!»

Die Stimme des Aufpassers folgte ihm noch bis zur Tür. Dann war Valk draussen und wenige Augenblicke später in den Schatten der Nacht verschwunden.


III - Unter dem Sternenhimmel

Im Trainingshof war es still. Über den Mauern des Manors spannte sich ein klarer Sternenhimmel, und die ardanischen Zwillingsmonde erleuchteten die Nacht so hell, dass vermutlich auch gewöhnliche Menschen genug sehen konnten. Valk sass im Schatten der Mauer am Rand des Platzes, beide Beine ausgestreckt und lehnte sich mit dem Rücken gegen den kalten Stein. Er wollte nur kurz hier sitzen. Warum genau hier konnte er nicht sagen. Vielleicht, weil um diese Uhrzeit niemand hier war. Vielleicht, weil noch nicht ganz alle im Manor schlafen und er niemanden begegnen wollte. Er nahm einen weiteren Schluck aus der Flasche, die er auf dem Nachhauseweg mitgehen liess. Das Zeug war besser als das Bier in der Kneipe. Leider half es genauso wenig. Valk setzte die Flasche seufzend ab und betrachtete den Trainingshof. Sein Blick blieb an einer der Markierungen auf dem Boden hängen.

Eine Schrittfolge. Er kannte sie. Valk stand auf. Der Hof schwankte einen winzigen Augenblick nach links. Er wartete, bis er sich wieder entschieden hatte, wo unten war, und schnaubte leise. Er stellte die Füsse richtig. Linker Fuss vor. Gewicht zurück. Schulter leicht herausdrehen. Ein einfacher Angriff. Er führte ihn langsam aus. Der erste Schritt gelang. Beim zweiten zog etwas unangenehm unter seinen Rippen. Valk blieb stehen. Nachdem er von der Betrügerbande geflohen war, hatte er die ärgsten Verletzungen mit Cure Wounds geheilt. Die Blessur, die sich jetzt meldete, muss wohl untergegangen sein. Er legte zwei Finger auf die schmerzende Stelle und drückte probeweise dagegen. Aha. Er nahm die Finger wieder weg. Kein Knochenbruch. War vermutlich nur halb so wild. Er wandte sich wieder der Trainingspuppe zu. Noch einmal.

Diesmal wusste er, wann der Schmerz kommen würde. Das machte ihn leichter zu ertragen. Schritt. Finte. Drehung. Ein stechendes Ziehen. Er verzog das Gesicht.

«Zu langsam», sagte er sich selbst.

Valk ging zurück auf seine Ausgangsposition. Noch einmal. Diesmal schneller. Sein Fuss setzte einen halben Schritt zu weit auf. Er musste das Gewicht abfangen, ruderte kurz mit einem Arm und blieb gerade so stehen.

Er schnalzte missbilligend. «Das war peinlich», murmelte er in die Leere.

Sein Blick wanderte zurück. Die Flasche stand noch bei der Mauer. Valk ging hinüber, nahm einen Schluck direkt daraus und stellte sie wieder ab. Dann kehrte er auf den Platz zurück. Eine Finte links. Ausweichen. Drehung. Der Schmerz kam wieder. Gut. Noch einmal. Er begann verschiedene Bewegungen auszuprobieren. Keine vollständigen Abläufe, nichts, was ernsthaft als Training bezeichnet werden konnte. Einzelne Angriffe. Ein Ausfallschritt. Eine schnelle Richtungsänderung. Das Abtauchen unter einem imaginären Schlag. Beim dritten Versuch verlor er das Gleichgewicht und musste eine Hand auf den Boden setzen. Sein Haar fiel ihm ins Gesicht. Valk blieb dort einen Moment auf drei Punkten stehen, darauf wartend, dass die Welt aufhörte zu schwanken. Dann begann er leise zu lachen. Ein einziges, ungläubiges Geräusch.

«Ein guter Kämpfer», murmelte er, während sich etwas in seiner Brust schmerzhaft zusammenzog.

Er versuchte sich aufzurichten, verlor das Gleichgewicht und rollte stattdessen seitlich ab, sodass er auf dem Rücken liegen blieb.

«Raffinierter Rogue.» Sein heiseres Lachen wurde lauter und die Stimme höhnischer.

Der Sternenhimmel funkelte ihn schweigend an, während sich alles in Valks Kopf drehte. Sein Lachen erstarb.

«Treuer Liebhaber», sagte er mit erhobenen Zeigefinger zu den Sternen. Er senkte langsam den Arm und legte ihn quer über das Gesicht. Der Schmerz in der Brust wurde unerträglich und er verzog krampfhaft das Gesicht.

Eine Weile bewegte er sich überhaupt nicht. Dann hörte er Rascheln im Gras. Schritte, die sich näherten. Bitte geh vorbei, bitte geh vorbei, bitte geh vorbei. Die Schritte blieben schliesslich einige Meter von ihm entfernt stehen. Natürlich.

«Muss ich mir Sorgen machen, oder hast du dich nur entschieden, dass der Boden heute ein guter Schlafplatz ist?», fragte Cruellas Stimme trocken.

«Mmh.» Valk legte seinen Arm vom Gesicht zurück ins Gras. Er brauchte einen Moment, um ihren Kopf über sich scharfzustellen.

Dann betrachtete er wieder den Himmel.

«Frag mich morgen noch mal. Dann lüg ich überzeugender», sagte er langsam.

Etwas in ihrem Ausdruck veränderte sich. Der Spott verschwand, bevor er überhaupt richtig da gewesen war. Ihre Lippen pressten sich kurz zusammen, dann war ihr Gesicht wieder ruhig.

«Was ist passiert?» Der leise Spott in ihrer Stimme verschwand vollständig und sie schien ihn still zu mustern. «Brauchst du Hilfe?»

«Nichts …» Er zog die Brauen zusammen und suchte nach einem passenden Wort. «Nichts …» Er hob erklärend eine Hand, doch noch immer wollte ihm das Wort danach nicht einfallen.

Schliesslich liess er die Hand wieder sinken. «Einfach nichts», sagte er kapitulierend.

Cruella sah ihn einen Moment lang an. Ihr Blick blieb an seinem Gesicht hängen, dann an der Flasche, dann wieder bei ihm. «Nichts… das klingt bei dir gerade ziemlich schlecht.»

«Hm.» Valks Mundwinkel verzogen sich zu einem zynischen Lächeln. «Ist es auch. Nein. War es auch.»

Die Schmerzen in der Brust schwollen sich zu einer neuen Woge an. Sein Blick schweifte in die Ferne und er versuchte angestrengt, die ausdruckslose Miene zu behalten.

«Es war einfach nichts...», wiederholte er gepresst.

Cruellas Brauen zogen sich leicht zusammen. «Was war nichts?»

Valk öffnete den Mund. Schloss ihn wieder und runzelte blinzelnd die Stirn. Cruella hatte eine unnötig komplizierte Frage gestellt und er wusste nicht, wie er es erklären soll. Er richtete seinen Blick wieder zu den Sternen.

«Lace.» Er war überrascht, wie erstaunlich nüchtern das Wort fiel.

«Wir.» Er schluckte. «Offenbar.»

Sein Mund verzog sich zu einem schiefen, bitteren Lächeln. «Wir waren nie…» Er machte eine kleine, hilflose Bewegung mit der Hand. «Naja. Das.»

Er liess die Hand geräuschvoll ins Gras fallen. «Ich dachte bloss, wir wären es.»

Die Worte hingen einen Moment zwischen ihnen. Sein Blick wanderte zurück zu Cruella – und sein Gesicht erstarrte. Erst jetzt hatte sein Denkvermögen aufgeholt und er begriff, wem er gerade das erzählt hatte.

«… Scheisse.»

Er fuhr mit einer Hand über das Gesicht und liess sie dort liegen.

«Das ist…», er brach ab, angestrengt nach den richtigen Worten suchend. Er gab auf. «Tut mir Leid. Das ist ziemlich beschissen, dir das so zu erzählen.»

Cruella antwortete nichts und für einen Moment lang war nur das Zirpen der Grillen zu hören. Dann hörte Valk ihre Stimme, leise und ruhig: «Es tut mir Leid, Valk.»

Sie lachte kurz und leise. «Es ist ja nicht so, als wärst du in mein Zimmer gerannt und hättest es mir verkündet», sagte sie nach einer Weile.

Valk blinzelte zu ihr hinüber. «Macht es irgendwie nicht weniger beschissen.»

Ein kleines, trauriges Lächeln lag auf Cruellas Lippen. «Nein, nicht wirklich.»

Dann blickte sie in den Sternenhimmel hoch. «Aber du hast nichts falsch gemacht.»

Sie blieben einen Moment so, gemeinsam schweigend, gemeinsam den Nachthimmel betrachtend.

Cruella nickte in Richtung der Flasche. «Heil dich und hör auf zu trinken. Slips nächster Assassine wird kaum warten, bis du deinen Pfeil auf die Sehne bekommen hast.»

Sie drehte sich um und lief zum Manor zurück. «Gute Nacht, Valk»

Nachwirkung

Was hat sich für den Charakter verändert: Wichtige Erkenntnisse oder Gefühle: Bedeutung für spätere Ereignisse:

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