S9-S10 - Unprofessionell
Einordnung
Kampagne: The Masketiers Spielercharakter: Valk Zeitpunkt: Zwischen Session 9 und Session 10 Ort: Dragon Gaze Manor in Faerûn, Stube und Vorratskammer Beteiligte Personen: Valk, Seraphina, Ignish, Pock, Cruella Erzählperspektive: Personale Erzählperspektive mit wechselndem Fokus auf Seraphina und Valk
Ausgangslage
Die Gruppe kehrt nach einer erfolgreichen, aber verletzungsreichen Mission nach Dragon Gaze Manor zurück. Während Seraphina die übrigen Abenteurer versorgt, zieht sich Valk unbemerkt mit einer eigenen Wunde zurück.
Geschichte
Die Truppe war nach einer erfolgreichen Mission nach Dragon Gaze Manor zurückgekehrt. Seraphinas anfängliche Freude über ihre Rückkehr wurde schnell von nüchterner Professionalität verdrängt, als sie den Gesundheitszustand der Abenteurer wahrnahm. Während sich die Abenteurer erschöpft in der Stube vor dem knisternden Kamin niederliessen, holte Seraphina die grosse Tasche mit Verbandszeug und begann sogleich mit dem Verarzten von Ignish.
«Noch glimpflich davongekommen», meinte Ignish mit einem schelmischen Zwinkern zu Seraphina, während sie seine Wunden abtupfte.
Pock ergänzte grinsend: «Ich würde sagen: weitaus besser als die armen Pechvögel, die jetzt tot im Staub liegen!»
«Selbst schuld», erwiderte Cruella schnippisch. «Hätten sie sich auch nicht mit uns anlegen sollen!»
Seraphina sagte nichts. Konzentriert behandelte sie alle Wunden mit ruhiger Effizienz.
«Wo steckt eigentlich Valk?», fragte Cruella in die Runde. «Hatte er nicht auch was abbekommen?»
«Keine Ahnung – hat sich wohl wieder davongemacht», entgegnete Ignish achselzuckend. «Kann nicht so schlimm gewesen sein, sonst wäre er hier.»
Seraphina nickte. Valk kam bisher immer ohne Schaden raus. Und wenn seine langjährigen Gefährten sich keine Sorgen machten, war wohl wirklich nichts dabei.
Eine Weile später war die letzte Wunde versorgt und Seraphina räumte das Material zusammen. Auch wenn die Mission «wie am Schnürchen» verlaufen war, wie Pock ihr versichert hatte, zeugten die Verletzungen von der Gefährlichkeit dieser Missionen, auf die sie die Gruppe sandte – und von der Gefahr, in der Professor Gilbarin schweben musste.
Gedankenversunken wanderte sie durch den Gang, bis sie plötzlich innehielt und ihre Augen zusammenkniff. Ja, doch, da war ein kleiner, dunkler Fleck am Boden. Dann noch einer. Und noch einer. Nicht viel, keine dramatische Spur, aber unverkennbar. Ihr Blick folgte den Flecken den Gang entlang bis zur Tür der Vorratskammer, vor der sie stirnrunzelnd stehen blieb. Dann öffnete sie die Tür. Der Rogue der Truppe sass im Dunkeln auf einem umgedrehten Eimer, leicht vornübergebeugt, eine Hand an der Seite. Hinter ihm standen die Behälter auf den Regalen wild verschoben und schief zurückgestellt. Valk schaute auf, als die Tür aufging, und setzte sofort ein gelangweiltes Gesicht auf.
«Oh, hallo!»
«Du warst das also», entgegnete die weisse Dragonborn ungerührt.
«Was denn?» Die Unschuld in seiner Stimme war bemerkenswert. Seraphina machte dennoch bloss zwei knappe Handbewegungen: auf den Boden zwischen ihnen und auf den Boden im Gang hinter ihr weisend.
Sein Gesicht erstarrte für einige Sekunden.
«Oh, das …! Ich wusste nicht, dass meine Stiefel so schmutzig sind!», sagte er hastig. «Tut mir furchtbar leid, ich mach das gleich sauber!»
Er regte sich, als wollte er aufstehen.
«Bleib.» Ihre Stimme war ruhig, ohne Schärfe.
Valk lehnte sich gehorsamst zurück. Seraphina trat ein, schloss die Tür hinter sich und stellte ihre Tasche ab. Ein prüfender Blick auf die durchwühlten Regale genügte: Allem Anschein nach war er nicht fündig geworden – was wiederum nur auf eines hindeutete.
«Heiltränke», erklärte sie, «sind nicht in der Vorratskammer.»
«Ja, das … hab ich bemerkt.»
«Dritte Schublade im Arzneikasten. Im Labor, links.» Sie wiegte den Kopf sanft zur Seite. «Ich kann dir einen holen.»
«Nein!», schoss es aus ihm wie aus einer Pistole – zu schnell, zu laut; er hörte es selbst.
Er räusperte sich. «Nein. Das sollte nicht nötig sein.»
Seraphina musterte ihn einen Moment. «Darf ich sehen?»
Valk mied ihren Blick und starrte an die Wand. Dann zog er langsam den Saum seines schwarzen Hemds hoch und entblösste widerstrebend die Wunde. Den Verband darüber konnte man bestenfalls als improvisiert bezeichnen: schief gewickelt, das Tuch bereits dunkel durchgeblutet und ein loses Ende herabhängend – als hätte er mehrmals vergeblich versucht, es festzubinden. Seraphina schürzte die Lippen, als sie diesen kläglichen Verband mehrere lange Sekunden betrachtete. Dann kniete sie sich vor ihm hin und begann, den Verband mit vorsichtigen Fingerbewegungen zu lösen. Sie hätte einiges zu sagen gehabt – doch in ihrer Weisheit verkniff sie sich jeglichen Kommentar. Valk liess es wortlos geschehen – Hemd hochgezogen, Blick starr an die Wand und die Kiefer mehr aus Scham als aus Schmerz zusammengepresst, während Seraphina die Wunde reinigte.
«Ich mach das hier schon seit Wochen», unterbrach Seraphina plötzlich die Stille, ohne aufzuschauen. «Jedes Mal, wenn ihr von einem Kampf zurückkommt. Ignish, Pock, Cruella – sie alle kommen. Sie lassen es zu.»
Sie verschloss ein Fläschchen.
«Ich dachte zuerst, du vertraust mir nicht.»
«N-nein, das ist nicht …» Sein Protest war kaum hörbar. Doch sie hielt inne und schaute zu ihm auf.
Er räusperte sich.
«Ignish kämpft vorne. Cruella und Pock schleudern ihre Zauber so spektakulär um sich, dass sie die Aufmerksamkeit jedes Angreifers auf sich ziehen. Ich nicht.»
Er klang ruhig und überzeugend sachlich. Doch Seraphina bemerkte eine merkwürdige Starrheit in seinem Blick.
«Mein Job ist es, unsichtbar zu bleiben und harte, fiese Schläge auszuteilen. Während die anderen die Treffer für mich einstecken. Natürlich werden sie häufiger verletzt. Ich nicht. Wenn ich alles richtig mache, sollte ich kaum je verwundet werden.»
«Hm.» Die Dragonborn wandte sich wieder dem Verband zu. «Und was ist dieses Mal passiert?»
«… Ich war ungeschickt. Unaufmerksam. Schlicht unprofessionell. Ich hab diese Wunde … sozusagen mehr als verdient, haha – au …!»
Er lachte kurz und bereute es sofort.
«Und es ist professioneller, wenn du deine Verletzung verheimlichst, damit deine Teamkollegen ja nichts davon mitbekommen? Ich dachte, ihr müsst euch gegenseitig blind vertrauen können. Wie soll das gehen, wenn du ihnen deinen Zustand vortäuschst?»
«Was weisst du schon über …!» Er liess den Satz unvollständig in der Luft hängen.
«… Vergiss es.» Beschämt über den Ausrutscher fixierte er die Wand.
Seraphina schwieg einen Moment, während ihre Hände gleichmässig und präzise arbeiteten.
«Nichts weiss ich über euer Berufsfeld. Aber ich weiss, was wichtig ist für eine gute Teamarbeit. Ich arbeitete mit heiklen Experimenten, bei denen viel auf dem Spiel stand. Ein Fehltritt und es könnte das Leben kosten? Kenne ich. Transparenz ist da ein und alles. Transparenz und Vertrauen.»
Ihre Stimme war ruhig, und doch spürte Valk die schneidende Schärfe im Unterton.
«Es war mein Fehler, okay? Und ich hab mein Bestes versucht, den Schaden einzugrenzen! Wie sollen sich die anderen auf den Kampf konzentrieren, wenn sie ständig ein Auge auf ihren … fragilen Schlösserknacker haben müssen?!»
Er atmete langsam aus.
«Es gibt Bessere da draussen», fuhr er fort. «Tödlicher. Effizienter. Härter im Nehmen. Aber ich will meinen Job, meinen Platz hier nicht verlieren. Wenn Pock, Cruella und Ignish schwierigere Missionen annehmen, dann muss ich einfach … mitziehen, okay? Und schnell besser werden, bevor sie auf die Idee kommen, mich rauszuwerfen.»
«Wurdest du schon mal rausgeworfen?»
«… Einmal. Ganz am Anfang. Die anderen Male bin ich gegangen, bevor sie mich rauswerfen mussten.»
Sie nickte langsam und prüfte den Verband. «Ungefragt, nehme ich an?»
Der Verband sass ordentlich, fest und korrekt. Sie warf einen kurzen Seitenblick nach oben; Valk schaute sie verdutzt an.
«… Wie ungefragt? ‹Hey, soll ich warten, bis ihr mir öffentlich ins Gesicht sagt, dass ich zu schlecht bin und mich offiziell rauswerft – mit Zeremonie und so – oder soll ich einfach gehen?› Das ist ja fast peinlicher als …»
Er suchte sichtlich nach Worten. Seraphina rollte die Augen und unterdrückte ein genervtes Ächzen. Sie begann, die Tasche zu packen.
«Oder es könnte alles ein Missverständnis sein und du hast bloss das Gefühl, dass du allen mit deinem Verschwinden einen Gefallen tust. Vielleicht ist alles einfach deine Einbildung und das ganze Drama hättest du dir einsparen können, wenn du einfach … gefragt hättest.»
Sie stand auf und klopfte sich die Knie ab.
«Sieht das etwa nach Einbildung aus?», fragte Valk bissig und zeigte auf den nun ordentlichen Verband.
Einige Sekunden lang blickte sie den jungen Elf an und versuchte, die Emotionen in seinem silbergrauen Blick zu lesen, die kurz aufflackerten.
«… Nein, natürlich nicht», sagte sie schliesslich mit einem leisen Seufzen. «Es tut mir leid. Ich sollte mich nicht in Dinge einmischen, die mich nichts angehen. Es ist bloss … seit dem Überfall durch diese Kultisten … seit Professor Gilbarins Entführung …»
Sie hielt mit einer Hand sanft ihren Kopf an der Schläfe und schüttelte sachte den Kopf.
«Tu mir bitte den Gefallen und lass mich deine Verletzungen behandeln. Warte wie alle anderen in der Stube vor dem Feuer oder komm separat zu mir, wenn niemand schaut.»
Die Hand sank langsam hinab und sie hielt mit der anderen Hand sich selbst schützend am Arm.
«Es ist eines der wenigen Dinge, die ich tun kann, ausser tatenlos zu warten und zu hoffen, dass der Professor – und ihr – heil zurückkehren.»
Schuldbewusst senkte Valk den Blick sowie die Arme, welche das Hemd hochgehalten hatten.
«Na toll. Und wenn ich wie geplant unverletzt bleibe und folglich nicht zu dir komme, dann sieht's so aus, als ob ich deinen Wunsch ignoriere», schmollte er leise.
Die weisse Dragonborn musste unweigerlich kichern. Da sass der tödliche Kämpfer, der allen Gefahren trotzte, auf dem umgedrehten Eimer. Doch mit diesem Gesichtsausdruck und der Haltung glich er mehr einem kleinen ertappten Jungen – der Gegensatz war zu komisch.
«Dann komm und zeig mir, dass du dir nichts getan hast!»
Sie zerzauste mit einer Hand seinen blonden Schopf, mit einem Blick voller Wärme.
«Magst du Pfannkuchen?»
Valk blinzelte verwirrt. «Was?»
«Pfannkuchen! Ich werde nämlich morgen zum Frühstück welche machen. Sei pünktlich, wenn du welche magst! Meine Pfannkuchen sind nämlich gut!»
Mit einem letzten Winken verabschiedete sich Seraphina und liess Valk in der Vorratskammer allein zurück. Noch immer verwirrt strich er sich die Haare zurecht.
«Aber sieben Uhr ist viel zu früh …», murmelte er vor sich hin.
Nachwirkung
Was hat sich für den Charakter verändert: Seraphina wird für Valk zunehmend zu einer Grosse-Schwester-Figur. Wichtige Erkenntnisse oder Gefühle: Valk spricht seine Angst aus, seinen Platz in der Gruppe zu verlieren. Seraphina erklärt ihm, weshalb ihr die Versorgung der Gruppe und gegenseitiges Vertrauen wichtig sind. Bedeutung für spätere Ereignisse: Zwischen Valk und Seraphina entsteht eine klare Abmachung über seinen künftigen Umgang mit Verletzungen.