S19-S20 - Feldforschung
Einordnung
Kampagne: The Masketiers Spielercharakter: Valk Zeitpunkt: Direkt nach Session 19 und vor Session 20 Ort: Dragon Gaze Manor, Korridor und Treppe vor dem Anwesen Beteiligte Personen: Valk, Pock, Ignish, Cruella, Osterion Orilen, Zarethra Orilen Erzählperspektive: Personale Erzählperspektive mit Fokus auf Valk und Pock
Ausgangslage
Nach Osterions Rückkehr wacht Zarethra beinahe ununterbrochen an seiner Seite. Die übrigen Masketiers beobachten neugierig, wie sich Valk gegenüber der wiedervereinten Familie verhält.
Geschichte
I. Feldforschung
Das Ganze fing mit Pock an. Natürlich hatte es mit Pock angefangen. Der Gnom hatte, mit der lautlosen Selbstverständlichkeit einer Person, die fest davon überzeugt war, dass Neugier kein Laster, sondern eine Tugend sei, seinen Kopf an den Türrahmen zum Schlafzimmer gedrückt. Durch einen schmalen Spalt der halboffenen Tür versuchte er in jenes Zimmer zu spähen, in dem Zarethra seit Osterions Ankunft beinahe ununterbrochen wachte. Offiziell kam er her, um nach dem Patienten zu sehen. Inoffiziell, weil sie ihn keine fünf Minuten allein liess. Ignish hatte sich dazugesellt. Aus reiner Neugier, versteht sich.
«Er hält ihre Hand», murmelte Pock sachlich, als würde er Feldnotizen machen.
«Mhm.» Ignish verschränkte die Arme. «Und sie lässt es zu.»
«Sie hält auch seine.»
«Gegenseitigkeit.»
Eine Pause.
«Interessant», meinte Pock.
Valk stand zwei Schritte hinter ihnen, gegen die Wand im Korridor lehnend und studierte intensiv einen Punkt an der Decke. Er hatte keine Ahnung, warum er noch hier war. Er hätte längst gehen können. Er wäre gegangen, wenn da nicht… Er riskierte einen kurzen Blick. Seine Mutter sass auf dem Stuhl neben dem Bett, Osterions Hand in beiden Händen, und sprach leise auf ihn ein. Osterion, noch blass, aber bei Bewusstsein, lächelte auf eine Art, die Valk noch nie an einem erwachsenen Mann gesehen hatte. Entspannt. Vollkommen entspannt. Er sah wieder zur Decke. Cruella erschien. Lautlos und mit den kräuselnden Mundwinkeln von jemandem, der bereits weiss, dass die Situation unterhaltsam sein wird.
«Oh», sagte sie, warf einen Blick durch den Türrahmen und lehnte sich neben Pock. «Wie rührend.»
«Ja», sagte Pock.
«Fast kitschig.»
«Fast.»
Ignish räusperte sich. «Er muss schnell gesund werden.»
Cruella hob eine Braue und neigte ihren Kopf zum Dragonborn. «Medizinische Einschätzung?»
«Praktische.» Ignish hob die Brauen. «Sonst wird das Zimmer bald zu klein.»
Pock nickte langsam, als hätte Ignish etwas sehr Weises gesagt. Valk schloss kurz die Augen.
«Ich meine», fuhr Ignish fort, mit der vollendeten Unschuld eines Mannes, der genau weiss, was er tut und beim besten Willen nichts Falsches daran erkennen kann, «er sieht noch ein bisschen schwach aus, auf den Beinen. Allgemein.»
«Mhm», machte Cruella.
«Ich frage mich, ob er –»
«Bitte.» Valks Stimme kam flacher raus als beabsichtigt.
Die drei drehten sich um. Er stand noch immer gegen die Wand gelehnt, Arme verschränkt, Blick irgendwo zwischen der Decke und dem Nichts. Seine Ohren – die verdammten, spitzen, verräterischen, elfischen Ohren – waren merklich röter als der Rest seines Gesichts. Einen Moment lang sagte niemand etwas.
Dann, sehr sanft: «Eòghan», flötete Cruella leise.
«Nicht.»
«Du hast rote Ohren!»
«Ich weiss.»
«Das ist aber sehr süss.»
«Ich gehe jetzt.»
Er ging nicht. Er schob sich bloss etwas weiter von der Tür weg, bis er sie nicht mehr sehen konnte – nur noch hören. Zarethra lachte leise über irgendetwas, das Osterion gesagt hatte. Ein helles, echtes Lachen, das Valk seit Jahren nicht mehr von ihr gehört hatte. Pock beobachtete ihn mit der stillen Aufmerksamkeit eines Gnoms, der eine unerwartete Variable in einem Experiment entdeckt hatte. Ignish grinste breit.
«Also», sagte er, «worauf wollen wir wetten?»
II. Pock fragt nach
Valk sass allein auf der Treppe vor dem Anwesen und brütete vor sich hin. Die trockene Abendluft in Ardania roch nach Staub und irgendwas Unbekanntem – nicht unangenehm, bloss fremd, wie alles hier. Er hatte weder Werkzeug noch Laute dabei. Nur sich selbst, was sich im Moment wie zu wenig anfühlte. Schritte. Zu klein und zu gleichmässig für jeden anderen ausser Pock. Der Gnom setzte sich neben ihn mit einem Seufzer. Nicht direkt, sondern mit einem kleinen Abstand, so wie es der Rogue bevorzugte. Eine Weile schwiegen sie beide, wärend ein kühler Wind über ihre Gesichter wehte. Der Nachthimmel mit den Zwillingsmonden wirkte so anders hier als in Faerûn. Ihre Schönheit war unbestreitbar. Doch Valk hatte noch nicht entschieden, ob es ihn störte.
«Ich habe ein Kind», sagte Pock plötzlich.
Valk wandte seinen Kopf und starrte ihn wortlos an.
«Hatte ich erwähnt?» Pock schien selbst kurz nachzudenken, wärend er mit der Hand über seinen Bart strich. «Ich glaube nicht.»
«Nein.»
«Erwachsen. Seit Jahrzehnten.» Der Gnom zuckte die Schultern, mit der unbekümmerten Leichtigkeit von jemandem, der über das Wetter spricht. «Haben keinen Kontakt mehr. Das ist normal, bei uns. Man zieht das Kind gross, und dann… Fertig.» Mit einer sachten Handgeste öffnete er die Hand. «Es fliegt aus. Man fliegt selbst weiter.»
Valk wandte seinen Blick schweigend zu den Monden.
«Bei euch Menschen scheint das anders zu sein», fuhr Pock fort, nachdenklich, als würde er laut eine Beobachtung verarbeiten. «Deine Mutter wartet zwanzig Jahre auf deinen Vater. Dein Vater kämpft fünf Jahre, um zurückzukommen. Aber, alle sind erwachsen. Alle könnten einfach – weiterfliegen.» Eine Pause. «Aber das wäre offenbar falsch.»
«Offenbar», sagte Valk.
«Ich verstehe es nicht», gestand Pock schlicht. Nicht als Kritik, bloss als eine einfache Tatsache. «Du bist ein Erwachsener. Du brauchst keine Eltern mehr. Sie haben sich gegenseitig, so wie es Erwachsene tun. Und du bist eine eigenständige Person. Wo ist das –» Er brach ab und korrigierte sich. «Was willst du eigentlich?»
Die Frage kam ohne Vorwarnung.
Der Elf öffnete den Mund. Und schloss ihn wieder. Was er als Antwort sagen wollte, sackte irgendwo zwischen Kehle und Zunge weg. «Ich weiss es nicht», kam es schliesslich aus ihm heraus.
Pock nickte. «Das ist zumindest ehrlicher als das meiste, das heute gesagt wurde.»
Sie sassen noch eine Weile. Die fremden Zwillingsmonde beleuchteten die Wüstensteppe. Irgendwo im Manor lachte Zarethra wieder. Dieses neue – oder vielleicht alte Lachen, das Valk nie kannte. Aber er hörte es. Und er senkte schweigend seinen Blick.
Nachwirkung
Was hat sich für den Charakter verändert: Valk wird unmittelbar mit der wiedergewonnenen Nähe zwischen seinen Eltern und seiner eigenen Rolle innerhalb dieser Familie konfrontiert. Wichtige Erkenntnisse oder Gefühle: Pock bringt Valk mit einer direkten Frage dazu, einzugestehen, dass er selbst noch nicht weiss, was er von seinen Eltern und ihrer Rückkehr erwartet. Bedeutung für spätere Ereignisse: Die Gespräche machen Valks Unsicherheit gegenüber Osterion und der wiedervereinten Familie sichtbar.