S20 - Rostiger Dietrich

Einordnung

Kampagne: The Masketiers Spielercharakter: Valk Zeitpunkt: Anfang von Session 20 Ort: Küche von Dragon Gaze Manor Beteiligte Personen: Valk, Osterion Orilen, Zarethra Orilen Erzählperspektive: Personale Erzählperspektive mit Fokus auf Valk

Ausgangslage

Spät am Abend sitzt Valk allein in der Küche und pflegt sein Werkzeug. Osterion sucht vorsichtig seine Nähe, ohne ihn zu einem Gespräch zu drängen.

Geschichte

Es war spät am Abend und eine sanfte Stille hatte sich über Dragon Gaze Manor gelegt. Valk sass allein am Tisch in der Küche, wie üblich mit dem Rücken zur Wand und dem Blick zur Tür. Vor ihm lag sein Werkzeug, aufgefächert und in Gruppen sortiert. Schweigend polierte er einen feinen Spatel im Widerschein des knisternden Feuers. Er hätte das alles mit einem einzigen Wort erledigen können. Prestidigitation, und das ganze Set wäre in Sekunden makellos. Doch kaum eine andere Tätigkeit zwang einen dazu, jeden Winkel, jede Ecke und Kerbe mit peniblem Bedacht zu prüfen. Also nahm er jeden Dietrich einzeln, reinigte und drehte ihn im Licht. Er polierte ihn und fuhr mit dem Daumen über die Kanten und prüfte die Schärfe der Klingen. Er griff nach dem nächsten Dietrich, wischte einen Schmutzfleck fort – und hielt inne. Rost. Direkt an der Biegung, wo der meiste Druck lastete.

Natürlich könnte er den Fleck zum Verschwinden bringen. Etwas Prestidigitation hier, ein bisschen Mending dort, und er würde aussehen wie neu – oberflächlich gesehen. Doch der Frass im Inneren des Metalls bliebe, und der Dietrich könnte im denkbar ungünstigsten Moment brechen und das Schloss hoffnungslos blockieren, sollte der Verfall schon zu fortgeschritten sein. Er würde ihn separat hinlegen. Noch wollte er keine Entscheidung treffen. Jenseits des Kücheneingangs regte sich etwas und Valk hob kurz den Blick. Osterion näherte sich und hielt mit einem zögerlichen Lächeln an der Türschwelle inne. Wortlos wandte sich Valk wieder seinen Werkzeugen zu. Osterion schob den Stuhl mit einem Knarzen und setzte sich – leicht versetzt, nicht direkt gegenüber. Eine einstudierte Entscheidung. Mum, dachte Valk. Was hat sie ihm noch erzählt?

Einige Augenblicke verstrichen in der Stille, ehe der ältere Elf bedacht das Wort ergriff: «Deine Mutter hat mir erzählt, dass du als Kind immer wissen wolltest, wie Dinge funktionieren. Dass du ihr Werkzeug auseinandergenommen hast, um zu sehen, was drinnen ist.»

«Hat sie das.» Valk blickte nicht auf.

«Sie hat vieles erzählt. Ich glaube, ich verstehe jetzt besser, wer du bist… Eòghan.»

Valks Hände erstarrten. Wortlos starrte er auf den Dietrich, der plötzlich schwer in seinen Fingern lag. Die rostige Stelle lag genau unter seinem Daumen. Sein Kiefer versteifte sich.

Dann, sachlich, fast gelangweilt hörte er sich selbst sagen: «Valk.»

«Bitte?»

«Mein Name ist Valk.» Zum ersten Mal traf er Osterions Blick.

«Natürlich. Entschuldige.» Die Lachfältchen neben seinem rechten Auge vertieften sich, als er ihm ein unschuldiges Lächeln schenkte.

Erneutes Schweigen. Kein zögerliches Nachfragen, keine verlegene Betroffenheit. Natürlich; für Osterion war es lediglich eine Korrektur – ein bevorzugter Spitzname, mehr nicht. Valk sah wieder den Dietrich in seiner Hand. Er legte ihn beiseite. Das Schweigen dehnte sich. Osterion musterte den jungen Elf mit stiller Neugier, der ein dünnes Metallstück mit einem kleinen Haken am Ende abrieb.

«Darf ich–»

«Nein.»

Valks Antwort war knapp und bestimmt, ohne jede Schärfe. Osterion nickte langsam, kaum merklich. Dann, ohne Ankündigung oder Erklärung, löste er mit sanften Klicken die Schnalle seiner Armprothese. Behutsam legte er sie auf den Tisch, holte ein sauberes Tuch aus dem Schrank und begann, den mechanischen Arm zu zerlegen. Eine blassblaue Hand materialisierte sich vor ihm und hielt eine Schraube fest, wärend seine Finger eine andere lösten. Ruhig und konzentriert untersuchte Osterion das feine Räderwerk, ölte steife Gelenke und reinigte die kleinen Zahnräder. Valk bemerkte es aus dem Augenwinkel. Er sagte nichts. Aber seine eigene Mage Hand, die er unbewusst hatte erscheinen lassen, um ein Werkzeug vom anderen Ende des Tisches zu sich herzuziehen, zögerte einen Moment. Wortlos liess er sie weitermachen. Tat so, als hätte er nichts bemerkt.

Doch den Dietrich – den kaputten, den er beiseitegelegt hatte – den nahm er wieder in seine Finger. Drehte ihn langsam. Prüfte ihn ein zweites Mal, ohne rechten Grund. Die Stille hatte sich verändert. Nicht leerer. Nur… anders. Knarzende Schritte kündigten Besuch an. Zarethra trat ein, einen Kessel in der Hand, mit der beschwingten Energie von jemandem, der sich auf etwas freute. Ihr Blick erfasste die Szene – beide am Tisch, beide in ihre Arbeit versunken, die verhaltene Ruhe – und ihr Gesicht strahlte.

«Oh – ihr zwei seid ja noch auf!»

Sie stellte den Kessel ab und sah abwechselnd von einem zum anderen. Jahrzehntelange Sehnsucht lag in diesem Blick – Sehnsucht, nach genau diesem Bild. Schwer hing eine unausgesprochene Erwartung im Raum und Valk meinte zu spüren, wie sie die Luft verdrängte.

«Ich hole noch eine Tasse. Wir können doch alle zusammen–»

Valk stand auf. Erzwungen gemächlich sammelte er sein Werkzeug ein und schob den Stuhl quietschend zurück.

«Bin müde.»

Er ging an Zarethra vorbei, ohne sie anzusehen.

«Gute Nacht, Ma. Gute Nacht –» Valk zog die Küchentür hinter sich zu und tat so, als ob der unausgesprochene Teil lediglich vom Luftstoss verschluckt wurde.

Die Küchentür fiel mit einem lauten Klicken ins Schloss. Zarethra starrte auf den leeren Stuhl, wandte sich dann unsicher und ein wenig verloren an Osterion, die Freude noch nicht ganz aus dem Gesicht gewichen. Dieser blickte lediglich auf seine Prothese, halb auseinandergenommen, vor ihm auf dem Tisch. Er hatte keine Antwort für sie. Aber er schielte kurz auf die Stelle, wo er glaubte, Valks blassblaue Mage Hand gesehen zu haben.

Nachwirkung

Was hat sich für den Charakter verändert: Valk und Osterion teilen für kurze Zeit schweigend denselben Arbeitsraum und entdecken eine erkennbare Gemeinsamkeit. Wichtige Erkenntnisse oder Gefühle: Valk weist den Namen Eòghan zurück und macht deutlich, dass Osterion ihn als Valk ansprechen soll. Zugleich nimmt er die vorsichtige Annäherung seines Vaters wahr. Bedeutung für spätere Ereignisse: Zwischen Vater und Sohn entsteht ein erster stiller Berührungspunkt, der jedoch durch Zarethras Erwartungen erneut unterbrochen wird.

Quelle im öffentlichen Player Vault: 05_Kampagnen/01_Masketiers/02_Spieler_Stories/Valk/S20_-_Rostiger_Dietrich